Das hüfthohe Schilf wiegt sanft im kühlen Wind. Draussen vor dem Fenster auf der Veranda liegt Two-Pack, der treue Vierbeiner, und wartet, bis sich einer dieser komischen Zweibeiner zu ihm gesellt und seinen unerschöpflichen Durst nach Zuneigung mit Streicheleinheiten etwas lindert. Two-Pack – wie alle seiner Spezies – ist bilingual. Er spricht die Universalsprache aller seiner Artgenossen: bedingungslose Liebe. Aber verstehen tut er nur deutsch – obwohl er hier mitten auf dem Land in Uruguay lebt und seine Schäferhundsohren eigentlich zu spanischen Klängen spitzen sollte. Vielleicht weigert er sich spanisch zu verstehen weil er weiss, dass er sich hier in Nueva Helvecia befindet – und man da halt deutsch spricht – oder zumindest zu etwas über 65%. Und da er ja gar nicht akustisch spricht, sondern nur zuhört, sollte das reichen. Das Nichtsprechen kompensiert er durch Nähe, eine oft bessere Art zu kommunizieren, wie mir scheint.

Wie dem auch sei, Uruguay hatte Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ein Problem. Wenn man das denn ein Problem nennen kann. Viel zu viel Land, und viel zu wenig Menschen die es bebauen konnten. Also beschloss die Regierung, jedem Siedler fünfzig Hektar Land und zwanzig oder dreissig Kühe zu schenken. Einzige Bedingung, innerhalb von zwei Jahren musste ein Haus gebaut werden.
Und so kam es, dass in den Jahren 1861 und 1862 zwei Ladungen desillusionierter Schweizer Emigranten samt ihren Familien hier strandeten und auf der Suche nach ihrem Glück mitten im Nichts einen Neuanfang wagten. Wenn gleich sie geschickte Bauern, Lehrer und Ärzte waren, an namensfinderischer Kreativität schien es ihnen zu fehlen und so tauften sie die neue Kolonie in Ermangelung besserer Ideen einfach Nueva Helvecia. Ein so schlechter Name ist das ja dann auch wieder nicht.

Versammlung auf dem Dorfplatz

Versammlung auf dem Dorfplatz

Daher ist es durchaus berechtigt, dass Two-Pack, etwas mehr als elf Kilometer von der Küste entfernt, ein paar hundert Kilometer nördlich von Buenos Aires, Kommandos auf deutsch entgegennimmt, nicht auf spanisch. An seinem Schweizerdeutschverständnis muss er jedoch noch etwas feilen.

Nueva Helvecia ist ein kleines Dorf mit wenigen tausend Einwohnern. Es ist umgeben von sanften Hügeln, unweit schöner Strände – wurde mir zumindest so erzählt. Die Bevölkerung hat sich auf die Produktion von Käse- und Milchprodukte spezialisiert und beliefert damit einen Grossteil Uruguays. Unter den Einwanderern war ausserdem ein Musiklehrer der fix eine Schule gründete. Die tapferen Männer brachten zudem, wie es sich für einen echten Schweizer gehört, auch ihre Flinte mit, und so dauerte es nicht lange, bis der erste Schiessclub gegründet war. Etwas ausserhalb liegt, umgeben von mächtigen Eichen eingebettet in einen grünen Park, das im Jahre 1871 erbaute Hotel Suizo. Neben seiner Hauptfunktion als Hotel wurde es auch als Versammlungsort für den Club, für Feste, Kinoaufführungen und Bälle genutzt. Traditionell wurde der 1. August jeweils hier zelebriert. 1930 wurde die Schweizer Kolonie um eine Agrarschule bereichert. Infolgedessen stieg die Produktivität der Betriebe und die Qualität der Produkte markant an.

Jeder Mann brachte sein Schiesseisen mit

Jeder Mann brachte sein Schiesseisen mit

Am Dorfausgang, in Richtung Farm auf der ich wohne, befindet sich die erste Kirche von Nueva Helvecia. Sie wurde 1868 fertiggestellt und diente zu Beginn sowohl Katholiken als auch Evangelikalen als Gotteshaus. Schwache Sonnenstrahlen dringen durch die schmucklosen Kirchenfenster und verleihen dem schlichten Innenraum behagliche rote und bläuliche Töne. Es scheint als wäre der Bogen von Raum und Zeit gefaltet worden und ich könnte hinübergreifen in die Epoche, als in diesem Raum die ersten Gebete gesprochen wurden. Ich fühle mich verbunden mit den Abenteurern die hier vor 150 Jahren in eine neue Welt aufbrachen und die Angst vor dem Unbekannten bezwangen.

Vorne in der Mitte ist ein Buch aufgelegt indem die Besucher ihre Gebeten niederschreiben. Auf einer leeren Seite notiere ich die erste Strophe eines der schönsten Gebetslieder das ich kenne; der Schweizer Nationalhymne. In einem Anfall von Patriotismus – und weil ich gerade alleine bin – singe ich sie sogar. Wie lange es wohl her ist, seit diese alten Gemäuer diesen wunderschönen Psalm zu hören bekommen haben?
Über dem Altar hängt ein Bild des Auferstandenen Jesus, darüber steht auf einem hölzernen Bogen in deutschen Lettern “Friede sei mit Euch”. Das ist er. Darunter liegt eine uralte Bibel, aufgeschlagen im Buch Esther. Diese bezaubernde Jüdin, die einst in einem fremden Land unfreiwillig zur Königin gekrönt wurde, und sich in einer ihr feindlich gesinnten Welt behaupten musste. Ich frage mich, ob das Wort hier schon seit dem Tag aufgeschlagen ist, als die Schweizer Kolonie an diesem Ort gegründet wurde, weil das Schicksal dieser Königin in der Verbannung die mutigen Schweizer fern ihrer Heimat unterbewusst berührte.
Neben der Kirche ruht für immer Else Birkhold, geborene Egger aus St. Galien. Sie erblickte das Licht der Welt am 11. August 1850. Mit zarten elf Jahren verliess sie bekanntes Zuhause auf dem Weg zu einem Land auf der anderen Seite der Welt und starb im stolzen Alter von 81 Jahren. Wie wohl dieses Abenteuer zu Schiff in den Augen eines kleinen Mädchens gewesen sein mochte? Wie gerne würde ich ihrer Geschichte lauschen.

Auf einem Grabstein sind die wahren Worte zu lesen

Auf einem Grabstein sind die Worte zu lesen “Wir haben hier keine Stadt, sondern die zukuentige suchen wir. Hebräer 13; 14” – inklusive Schreibfehler.

Zurück auf der Farm, vor dem Stubenfenster liegt stille ein Teich, das silberne Antlitz des Himmels spiegelt sich im pechschwarzen Wasser. Messerscharfe Linien trennen Schwarz und Weiss, wie die hellen und dunklen Wasser der beiden Flüsse, die im Amazonas aufeinandertreffen und sich über hunderte Kilometer nicht mischen. Hinter dem Teich bewegt sich ein Schimmel bedächtig durch das dunkelgrüne Gras. Mit ihren weissen Flanken und dem silbernen Rücken könnte sie eine Tochter des wolkenbehangenen Himmels sein.
Ein Schwede ist auf der Farm eingetroffen. Er gratuliert mir zum Triumph der Schweizer Nationalhockey Mannschaft die soeben die Vereinigten Staaten besiegt hat und somit ins Final einzieht. Gegen Schweden.
Wir sitzen vor dem wärmenden Kaminfeuer und sprechen über unsere Leben. Stefan geht gegen die vierzig zu – das sieht man ihm jedoch nicht an. Vielleicht weil er Forstwirtschaft studiert hat und die letzten Jahre viel Zeit in der Natur verbracht hat. Doch die langen Wochen in einer einsamen Hütte mitten im Wald, ohne eine einzige Menschenseele gingen ihm an die Substanz. So wechselte er sein Beschäftigungsgebiet, sozusagen auf die gegenüberliegende Strassenseite. Papierindustrie. Das erinnert mich an die einsamen Momente im Dschungel Brasiliens. Ich bin froh, dass ich langsam lerne, auch ohne Gemeinschaft mit Anderen, inneren Frieden zu wahren. So sitzen wir hier, reden über Gott und die Welt. Und über Frauen. Später bereitet uns Monica, die stille Herrin des Hauses, ein herzhaftes Käsefondue. Zum Abschluss dieses wunderbaren und kalten Tages geniessen wir zusammen mit Ihrem Mann Miguel die Hitze in der selber gebauten Sauna.

Ein Fleckchen Schweiz fern der Schweiz

Ein Fleckchen Schweiz fern der Schweiz

Ja, hier lässts sich leben, auf diesem Fleckchen Schweiz 11’120 Kilometer von der Schweiz entfernt.

NoëI

NoëI

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3 Comments

  • Altmeister sagt:

    Hab in Gedanken gleich die erste Strophe unserer Nationalhymne mitgesungen. GBY weiterhin mega.

  • Pepsi sagt:

    Tolle und spannende Geschichte, muss ja schon ein bisschen komisch sein, so eine Schweizerkolonie im fernen Uruguay!

    Bis bald in der Original Schweiz,

  • belli sagt:

    Oioih, Ha de itrag laider ersch ez xeh… so kuul!! Wunderbar gschribe; und sgit mir gad fernweh!